Das Leben ist zum Kotzen

Die Wiederentdeckung zeitloser Literatur verspricht immer wieder interessante Einblicke in vergangene Gesellschaftsepochen. Léo Malets Krimis sind solche Zeugnisse der unruhigen Zeit am Anfang des 20. Jahrhunderts.

Zum 100. Geburtstag Malets veröffentlichte die EDITION NAUTILUS seine „Schwarze Trilogie“ als Gesamtausgabe und bereits im letzten Jahr erschien in der EHAPA COMIC COLLECTION eine Umsetzung als „All-In-One-Comic“.

Léo Malet wurde 1909 in Montpellier geboren. Mit drei Jahren starb seine gesamte Familie an Tuberkulose. Der Großvater förderte seine Begeisterung für das Lesen und Schreiben frühzeitig. Als Jugendlicher trat Malet der libertären Groupe d'Etudes sociales bei und korrespondierte mit André Colomer, einem bedeutenden Anarchisten und Herausgeber verschiedener Zeitschriften. 1925 ging Malet mit nur 95 Francs in der Tasche nach Paris, wo ihn Colomer in die dortige Szene einführte. Mit Gelegenheitsjobs und fingierten Arbeitsunfällen schlug er sich durchs Leben. Er nächtigte oft unter Pariser Brücken und wurde verhaftet. Gelegentlich schlief er in „Vegetarierheimen“, Schlafsälen, die von libertären, gewaltfreien Gruppen betrieben wurden. Es ist überliefert, dass er für einen analphabetischen Erpresser die Briefe schrieb.

Weiterhin wurde Malet von den Surrealisten um André Breton nachhaltig beeinflusst. Er hatte dem Dichter Gedichte geschickt, der ihn daraufhin zu Sitzungen der Gruppe einlud. Malet beteiligte sich an deren Demonstrationen und unterschrieb alle surrealistischen Manifeste bis 1943. Fortan zählten Künstler wie Yves Tanguy und Salvador Dalí zu seinen engsten Freunden. Im Sommer 1934 erfand er das surrealistische Décollage, bei dem Plakatfetzen zu neuen Kunstwerken zusammengesetzt werden. Malet: „Plakate, die im Stehen schliefen, erwachen, und die Poesie zerfrißt die Wände.“ [1] Er interessierte sich für den surrealistischen Film, sah z.B. „Ein andalusischer Hund“ von Luis Buñuel und Salvador Dalí. 1940 wurde er erst aufgrund seiner Aktivitäten verhaftet und danach von den Deutschen in das berüchtigte Stalag XB zwischen Bremen und Hamburg verschleppt.

Wieder freigelassen verfasste Léo Malet ab 1941 erste Krimis, erst unter angelsächsischen Pseudonym, weil sich amerikanische Romane besser verkauften. Doch mit der Herausbildung des französischen Roman noir wurde Malet von Freunden zu seinem eigenen Stil ermuntert. 1943 erschien mit „120, Rue de la Gare“ der Auftakt einer Reihe von 15 Erzählungen mit dem „Privatschnüffler“ Nestor Burma, dessen Auftritt im Stalag XB beginnt. Malet stilisiert seinen Hauptprotagonisten als regelrechten Antihelden. Der muss bei seinen Ermittlungen immer wieder Misserfolge sowie diverse Schläge einstecken, handelt bei seinen investigativen Bemühungen aber auch nicht gerade zimperlich. Malet thematisiert die Außenseiter-Milieus der Gesellschaft: Tagelöhner, Huren, Kleinkriminelle, Pechvögel – Menschen, die kein einfaches Leben haben. Passend dazu schlägt er eine raue, harte Sprache an, die Handlungen beinhalten einen gehörigen Schuss hardboiled. Jacques Tardi hat diese düstere Stimmung in fünf hervorragenden Graphic Novel-Adaptionen eingefangen (EDITION MODERNE).

In der nicht ganz so bekannten Schwarzen Trilogie zeichnet Léo Malet die andere Seite der Kriminalität nach. In „Das Leben ist zum Kotzen“ überfällt eine Gruppe einen Geldtransport mit der Absicht, streikende Bergarbeiter zu unterstützen. Dabei geht natürlich etliches schief und die Bergarbeitergewerkschaft distanziert sich danach von der gewalttätigen Aktion. Hauptprotagonist Jean, der gegen fließendes Blut wenig auszusetzen hat, driftet in der Folge immer mehr in die Kriminalität ab, alle Beteiligten steuern unentrinnbar auf ihr klägliches Ende zu. Offenkundig stand die Bonnot-Bande, eine anarchistische Gruppe, die 1911/12 Banküberfälle durchführte, Pate für die Handlung. Malet verarbeitete in dem Stoff seine aktive Phase in anarchistischen Gruppen, die zu seiner Zeit die Praxis „illegaler Aktionen“ intensiv diskutierten. Malet sagte von sich, dass er selber der Verführung durch „individuelle Aneignung“ fast erlag, jedoch gerade noch den Absprung schaffte und nicht in die banale Kriminalität abrutschte. In „Die Sonne scheint nicht für uns“ erlebt der junge Vagabund André einen kurzen Moment persönlichen Hochgefühls, als er sich Gina nähern kann. Doch das junge Glück hat in seinem kriminellen Umfeld keine Chance. Einzige Hoffnung besteht am Ende nur darin, sich im Tod wiedersehen zu können. In „Angst im Bauch“ wird der Kleinganove Paulot von Polizei und Medien zum kriminellen Monster stilisiert. Auch für ihn gibt es keinen Ausweg nach seiner langen Flucht. Die Schwarze Trilogie gilt als Malets surrealistischstes Werk. So durchleben seine Handlungsträger freudsche Traumsequenzen. An die Stelle der Realität treten Wunschträume, die sich nie erfüllen werden. Dank einer Biografie und weiter führenden Nachworten der NAUTILUS-Ausgabe kann hervorragend nachvollzogen werden, wie intensiv Léo Malet sein Leben nahezu autobiographisch in die Kriminalromane einbezog.

Die Comicumsetzung von Philippe Bonifay und Youssef Daoudi belegt einmal mehr, dass man sich dem Stoff auch in gezeichneter Form nähern kann. Einige Kürzungen und Umstellungen der Handlung sind der notwendigen Straffung geschuldet. Die widersprüchlichen Charaktere haben die Autoren gut nachgezeichnet und die surrealistischen Sequenzen sowie der hardboiled-Faktor wurde angemessen umgesetzt. So eignet sich die gezeichnete Version von Léo Malets Schwarzer Trilogie ebenso gut zum Entdecken seiner realistischen Kriminalromane, wie das bereits bei Tardis Adaptionen der Fall war.
Ronald Zeug

[1] http://www.doehl.netzliteratur.net/mirror/collreal.htm

Léo Malet - Schwarze Trilogie (La Trilogie Noire)
Als Roman: EDITION NAUTILUS, Sonderausgabe, 452 Seiten,
ISBN 978-3-89401-725-5
Als Comic: EHAPA COMIC COLLECTION, Hardcover, 168 Seiten
ISBN: 978-3-7704-3260-8

 

Die Buchbesprechung erschien in der Mai-Augabe 2010 im Rostocker Stadtmagazin 0381.

veröffentlicht am: 
9. Mai 2010

 

Zurück twitterfacebookstudivzmyspacedel.icio.usgooglediggyahoo