Emo – Porträt einer Szene

Im Kulturmagazin 0381 erschien eine Buchbesprechung zum Buch "Emo – Porträt einer Szene" aus dem Ventil Verlag.
Zu Jugendbewegungen wurde eigentlich fast alles gesagt und geschrieben. Das bringt der zeitliche Abstand seit ihrer Entstehung mit sich, der sie in den Fokus nicht nur der Sozialforschung allein rückte, die sich anders als die oft klischeebehaftete Wahrnehmung in der Gesellschaft und den Medien ernsthaft mit den Phänomenen von Jugendkulturen befasste.

Zu den jüngeren Entwicklungen gehören zweifelsohne die so genannten und sich selber so bezeichnenden „Emos“. Der Mainzer VENTIL VERLAG, der eines der größten Repertoires an Titeln zu Popkultur im Allgemeinen und speziell von Punk, Hardcore, Reggae und HipHop bis hin zu Soul, Folk und Jazz verlegt, hat sich nun des Themas angenommen und das erste Buch über Emo veröffentlicht.

„Emo – Porträt einer Szene“ enthält engagierte Texte, die sich in erster Linie gegen die Abwertung und Stigmatisierung dieser Jugendkultur wenden. Dieses Bashing, so wird einleitend festgestellt, findet aus allen anderen Jugendkulturen heraus auf breiter Front statt und geht oft mit unverhohlen vorgetragener Homophobie einher. Ein Schwerpunktthema der Wochenzeitung JUNGLE WORLD, das sich inhaltlich auf zuvor stattgefundene Angriffe von Jugendlichen anderer Subkulturen auf Emos in Querétaro und Mexiko-Stadt (Mexiko) bezieht, weist auf den latent existierenden Machismo in der Gesellschaft hin. Doch was sind weitere Gründe für die Anfeindungen einer kulturellen Richtung, deren Protagonisten sich so gar nicht eindeutig zusammenfassen lassen (wollen)?

Ein Blick in Wikipedia bringt erst einmal keine greifbaren Ergebnisse. Überwiegend bezieht sich der Eintrag im Onlinelexikon auf die ursprüngliche Entstehung von Emo als musikalische Strömung, ein Aspekt, der im Buch bewusst ans Ende gestellt wurde. Ausgehend vom Hardcore der 80er Jahre, der die No-Future-Attitude der Punkbewegung in (nicht nur musikalisch) aggressivere Bahnen lenkte, vollzieht sich in einem Teil der Hardcoreszene die Hinwendung zu einer lebensbejahenden Einstellung. Musikalisch wird der Stil abwechslungsreicher und melodischer, die Texte befassen sich mit gesellschaftlichen Problemen und wenden sich nun einer eher lösungsorientierten Richtung zu. Persönliche und emotionale Befindlichkeiten werden offen auf der Bühne benannt. Als Vorreiter werden Bands wie RITES OF SPRING oder die später daraus entstandenen FUGAZI benannt. Während Mitglieder dieser frühen Ausprägung sich heute nicht gerne unter dem Label sehen wollen (nicht weil sie gegen Emo sind, sondern weil sie sich musikalisch anders verorten, wird im Buch festgestellt), gelten dann Bands wie STILL LIFE oder POLICY OF 3 mit ihren sehr emotional vorgetragenen Songs als stilechte Vertreter des Emocores. Im weiteren Verlauf differenziert sich die musikalische Szene immer weiter aus, andere Strömungen, z.B. insbesondere aus dem sogenannten Indiebereich, greifen Elemente auf. Wer nun welche Band unter Emo einordnet, erscheint heute ziemlich beliebig und hängt von der jeweiligen persönlichen Definition ab.

Die Herausgeber gehen im Buch einen anderen Weg und versammeln Texte von Autor_innen, die sich mit dem Selbstverständnis der vielfältig auftretenden Emoszene befassen und die verbalen Angriffe, deren dahinter stehende Einstellungen ja nichts anderes als die Basis für körperliche Übergriffe darstellen, kritisch beleuchten. Zum Teil können sie sich dabei auf im Rahmen von Studienprojekten selbst durchgeführte Befragungen und Gespräche stützen. Heraus kommt ein sehr divergentes Bild der Szene, die sich in ihrem Drang nach Abgrenzung von elterlichen und allgemeingesellschaftlichen Normen nicht von anderen Jugendkulturen unterscheidet. Auffälligstes Merkmal, sich von anderen Jugendgruppierungen abzusetzen, ist natürlich das modische Erscheinungsbild. Auch innerhalb der Emoszene gibt es Abgrenzungenn zu neu einteigenden Kiddie-Emos“ oder „Möchtegern-Emos“. Was jedoch als gemeinsames Grundmotiv durchscheint ist der Wunsch, sich nicht verstellen zu müssen, Probleme, Stimmungsschwankungen etc. offen ausleben zu können. Das ist eine qualitative Besonderheit und wird als Grund für die Anfeindungen gesehen. Wie in mehreren Beiträgen herausgearbeitet wird, ist es nicht etwa der vorgeschobene musikalische oder modische Stilklau, der den Emos von anderen Jugendkulturen (die sich ja auch gegenseitig bei den Stilelementen bedienen) vorgeworfen wird. Vielmehr stecken dahinter homophobe Abwehrreaktionen, die sich auf die männlichen Emos beziehen, weil hinter dem offenen Verhalten und dem oft androgynen Erscheinungsbild (das im Internet zum Teil geradezu zelebriert wird) das vermeintlich „schwule“ gesehen wird. Was im Vergleich zu allen anderen männerdominierten Jugendkulturen als geradezu emanzipatorisch gesehen werden könnte, wird denunziert, weil es einen Angriff auf etablierte Männerdomänen darstellt. Nur so ist zu erklären, warum die Ausfälle von Hasstiraden sogenannter Aggro-Rapper bis hin zu Anfeindungen aus der sich selbst fortschrittlich gerierenden Hardcoreszene oder aus den progressiven Teilen der Punkkultur reichen.

Weitere Beiträge im Buch befassen sich mit dem Versuch, Emo in Russland als gefährliche Subkultur verbieten zu wollen, es wird die Emoszene in der Türkei und in Ägypten beleuchtet. Erst im letzten Teil wird sich noch einmal intensiver mit der musikalischen Enstehungsgeschichte befasst, so mit einem kurzen musikalischen Abriss, einem Interview mit Guy Picciotto (RITES OF SPRING, FUGAZI) und Mark Andersen („Punk, DC: dance of days - Washington-Hardcore von Minor Threat bis Bikini Kill“ ebenfalls VENTIL). Den Verquickungen mit der queeren Musikszene wird ein eigener Text gewidmet, sowie den geschlechtlichen Rollenbildern in dem Milieu. Dass Frauen generell anders wahrgenommen werden, gleichberechtigter, wird beschrieben. Eine Fotogalerie mit Angehörigen der Bremer Emoszene rundet das ansprechend gestaltete Buch ab und schlussendlich lässt der Versuch einer sicher sehr subjektiv angehauchten Diskografie das Buch ausklingen. „Emo – Porträt einer Szene“ kann als engagierter Versuch begriffen werden, über eigenes Verhalten in den jeweiligen „Peergroups“ nachzudenken und zu reflektieren.

Ronald Zeug

www.ventil-verlag.de
www.0381-magazin.de/

veröffentlicht am: 
3. Februar 2010

 

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